Es war Freitag, und ich ging erleichtert den vier Kilometer
langen Weg von der Straße hinauf zu meiner Hütte. Zwei Semester
meines Studiums an der Universität
von Alaska Fairbanks (UAF) waren vorbei, die letzten Prüfungen
geschafft. Jetzt konnte ich mich auf mein schon lange geplantes
Bergabenteuer freuen, einen Besteigungsversuch des Denali (6192 m).
Gestern hatte zudem einen Zettel von Dave im Wood Center (Universitätsmensa)
an der Pinnwand gehangen. Er suchte einen Mitfahrer nach
Talkeetna. Das klappte ja alles prima.
Vorher mußte ich noch eine Menge klarmachen. Zuerst einmal
sollte mein Hund Ama über die Zeit meiner Abwesenheit keinen
Hunger leiden. Also informierte ich Shann, ihr genug Fressen zu
geben. Die Hütte bedurfte gründlicher Reinigung, und auch meine
Utensilien für den Bergurlaub wollten gepackt sein. Am Abend
donnerte Butsch mit seinem Truck heran. Wir hatten eine vorzügliche
Grillpartie, mit einer Menge Budweiser. Dafür ging es mir am nächsten
Morgen schlecht. Der Rucksack war gerade gepackt, da kam Dave
auch schon. Wir fuhren den ganzen Nachmittag, bis spät hinein in
die Nacht. Dann ging uns der Sprit aus, und wir schliefen vor
einer Tankstelle. Um 6:00 Uhr machte die Tankstelle auf, und es
ging weiter.
Frühmorgens kamen wir in Talkeetna an. Das Wetter war äußerst
unerfreulich, es nieselte, und eine nasse Kälte durchdrang die
Klamotten. Gegen 7:00 Uhr machte ich mir ein Frühstück. Ich
hatte mich auf Anraten von Timothy Rawson, Foreign Students
Advisor an der UAF und vorzüglicher Bergsteiger, für
Talkeetna Air Taxi (TAT) entschieden. Sie würden mich
und meine Ausrüstung zuverlässig von Talkeetna zum
Kahiltnagletscher befördern. Gegen 9:00 Uhr wurde es bei
Talkeetna Air Taxi (TAT) unruhig. Aber noch war das Wetter viel
zu schlecht, um an einen Flug zum Gletscher auch nur zu denken.
Ich begab mich zur 500 m entfernten Rangerstation und ließ mich
aufgrund meines 'solistischen Ansinnens' bestimmt 2 Stunden
belehren. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich denn wirklich
allein in dieses Abenteuer gehen will. Eigentlich wollte ich das
nicht. Geplant hatten wir alles zu dritt, aber wie das so immer
ist: Joachim, ein Schwede, hatte sich frisch verliebt und wollte
nun keinerlei Risiko mehr eingehen, und die dritte Aspirantin
teilte mir drei Tage vor Beginn der Reise mit, dass sie doch
lieber mit einigen Jungs mitgehen wolle, die mehr draufhaben als
ich. Knallhart und emanzipiert diese Frauen heutzutage, da konnte
mann nichts machen.
David Lee, Chefpilot von TAT ließ es ruhig angehen. Das
Wetter war noch immer nebelig, doch es schien so langsam
aufzuziehen. Ich konnte mich inzwischen mit Laco (28), einem
Slowaken , und Viktor (25), einem Tschechen, über die
Schwierigkeiten des bevorstehenden Aufstiegs unterhalten. Viktor
hatte noch keine Verpflegung. Er hatte sich ganz kurzfristig
entschlossen, doch mal einen kleinen 'Abstecher' zum Denali zu
unternehmen. Zu dritt kauften wir für ihn ein. Mir wurde
schummrig bei dem Gedanken, dass dies für 3 Wochen am Berg
ausreichen sollte, wie mir Viktor versicherte. Gegen Abend
beschloß David, einen Flug zu versuchen. Ich flog in der ersten
Fuhre mit (US$ 150), zusammen mit zwei Amerikanern, Steve und Rick. Nach
nur 30' Flug landete die mit Schneekufen bestückte Cessna 185
gegen 19:30 Uhr auf dem Kahiltna Gletscher. Davids Cessna
verschwand nach ein paar Minuten wieder in den Nebelschleiern
Richtung Talkeetna. Nun war ich auf dem Kalhiltnagletscher, am
Ausgangspunkt meiner Besteigung des Denali.
Der erste Tag auf dem Gletscher: Heute habe ich mir doch
direkt einen Sonnenbrand geholt. Meinen Schlitten habe ich an
meinem Klettergurt befestigt und mich dann mit Laco und Viktor
unangeseilt über den Gletscher bewegt. Die Spur war ausgefahren
und tief verschneit, es schien kein Risiko dabei zu sein (heute würde
ich solchen Leichtsinn verurteilen und nie mehr unangeseilt über
jeden noch so sicher erscheinenden Gletscher gehen, Erfahrung macht klug...).
Aller 50 m standen "wands", das sind Markierungsstäbe
aus Bambus mit reflektierenden Fähnchen. Andauernd zogen Leute
an uns vorbei, weiter oben mußte irgendwo ein Nest sein. Heute
morgen schon waren wir vor einem Kamerateam von "Good
Morning America" geflüchtet.
Unseren Zeltplatz suchte Laco akribisch einzuebnen, damit auch
ja keine Unebenheit mehr blieb. Nach 2 Stunden konnten wir
endlich hineinkriechen und unser Abendbrot genießen.
Samstag morgens wachte ich auf 3200 m Höhe auf. Fast ein
neuer Höhenrekord für mich. Heute sollte ich nur 400 Höhenmeter
bewältigen. Mein Schlitten erwies sich als echt belastend.
Wieder gingen wir ohne Seil. Diesmal knackte es schon einige Male
unter mir, und ich machte mir so meine Gedanken. Immerhin war es
jetzt (07.05.) noch recht kühl hier oben, wie sollte das in 3
oder 4 Wochen aussehen? Ich sollte es erfahren...
Ich kam mit einer halben Stunde Verspätung ins Lager. Das
Zelt war zum Glück schon aufgebaut. Wir trafen eine deutsch-schweizerische
Expedition. Sie hatten Ausrüstung vom Feinsten, besonders
beeindruckten mich ihre One Sport Bergstiefel der Marke Everest.
Mit diesen Schuhen konnten einem sogar tiefste Temperaturen
nichts anhaben, versicherte mir Rafael, ein Schweizer.
Die Temperatur fiel von +10 Grad Celsius auf -10 Grad Celsius.
Kein Problem für mich, ich war kälteres gewohnt. Es schneite
und war nebelig, Laco bestand darauf, dass wir noch einen Tag
verweilten. Die Kolonne der Bergsteiger zog den ganzen Tag durch
das Schneetreiben an uns vorbei. Eigentlich fühlte ich ich mich
ganz okay in meinem Schlafsackkokon.
Irgendwann jedoch zogen wir weiter, zu Lager 4, kurz unterhalb
von Windy Corner. Besonders der letzte Hügel vor dem Camp
bereitete mir schier unglaubliche Schwierigkeiten. Wie ein
Maulesel zerrte ich den Schlitten die nun doch schon 20prozentige
Steigung hinauf. Die Schuhe hingen nicht so fest in den von
Butsch geborgten Armeeski. Jedenfalls richteten wir in diesem
Lager ein Depot ein und entschlossen uns, nur noch mit Rucksack
in zwei Fuhren über die windige Ecke zu gehen. Von hier
aus sollen es noch 2 h bis zur 'Windecke' sein, weitere 1,5 h bis
zum eigentlichen Basiscamp auf 14200' (4350 m). Wieder hatten wir
Glück und fanden eine fertige 'Schneeburg' vor, die wir nur noch
mit unserem Zelt ausstatten mußten. Während Laco und Viktor
wieder einmal 2 h den Zeltboden bearbeiten, koche ich in unserer
in den Schnee gestochenen "Outdoorküche". Für die
beiden gibt es leckere Suppe, für mich etwas Biosorbin.
Seit Samstag habe ich mich auf dieses Pulver umgestellt, um die
Aussage von Herrn Robert Peroni aus Bozen zu überprüfen, nach
dem eine ausschließlich aus Biosorbin zusammengestellte Nahrung
deutliche Vorteile bei der Leistungsfähigkeit am Berg bringen
sollte. Die Aufnahmefähigkeit des Blutes für Sauerstoff sollte
sich drastisch verbessern. Schon 1993 hatte ich das Pulver,
welches u.a. zur Ernährung von Patienten, die Nahrung nicht mehr
auf normalem Wege aufnehmen können, in Grönland testen können.
Die Firma Pfrimmer Nutricia überließ uns dankenderweise
die benötigten Mengen. Den Rest wollte ich jetzt aufbrauchen.
Jeden Tag mußte ich nun maximal 7 Beutel "verdrücken",
mehr bekam man auch nicht hinunter. Das Pulver eines Beutels
wurde mittels Schneebesen im warmen Wasser aufgelöst und mit
einem der mitgebrachten Schoko- oder Bananearomenbeutel versetzt.
Es gab zwar auch noch Tomate- und Geflügelgeschmack, aber diese
Variationen waren nicht mein Fall. Kredenzt wurde das Ganze dann
als Shake und floß wirklich super cremig "in einen rein".
Leider gab es einen kleinen Nebeneffekt. Ähnlich wie Kaffee oder
Tee bewirkte dieses von manchen auch als Astronautencocktail
bezeichnete "Getränk" eine vermehrte Dehydrierung.
Auch am Montag, den 09.05. blieben wir im Lager 4 . Das Wetter
war schlecht, Schneetreiben und Nebel. Viktor war sauer, wäre es
nach ihm gegangen, wäre er schon wieder vom Gipfel herunter. Wir
beschlossen, alles auf einmal zum Basislager zu schleppen, so würden
wir den verlorenen Tag wieder einholen. Heute haben wir ein paar
Leute aus der Ukraine getroffen, sie haben noch vor zwei Tagen in
Moskau gefrühstückt! Um 23:30 Uhr gingen wir erst ins "Bett".Der
arktische Sommer war nicht mehr fern, und sogar kurz vor
Mitternacht war es noch hell.
Die Nacht über hatte es 50 cm geschneit, aber trotzdem
schienen das für andere Bergsteigertrupps super Bedingungen zu
sein. Ganze Karawanen brachen heute zum Basislager auf. Gegen
Mittag kam der Sturm. Ich mochte gar nicht wissen, was jetzt da
oben an Windy Corner so abgeht! Jedenfalls sah Laco nach
Verrichtung eines persönlichen Geschäfts gar nicht so gut aus, der Sturm hat
ihn voll überrascht! Wir warteten den ganzen Tag, und es gab
genug Kurzweil. Laco erzählte von seiner Besteigung des
Aconcagua, und ich machte natürlich beide Ohren weit auf, fragte
ihn nach allen möglichen Einzelheiten. Die hohen Wälle unserer
Schneeburg beschützten das Zelt vor den böigen Winden, die draußen
alles kreuz und quer zu wirbeln schienen.
Mittwoch war es nun endlich soweit. Ich sollte Windy Corner
kennenlernen, jenen Platz, der mich schon seit jeher in seinen
Bann zog. Ich glaube, zuerst las ich über Windy Corner in
einem Buch namens "Berg ohne Gnade", später
durchforstete ich alle Bestände der Abteilung "Polar
Regions" in der Rasmussen Bibliothek in Fairbanks.
Ich hatte jede Menge Respekt vor diesem Teil der Route.
Mit über 40 kg auf meinem Rücken machte ich mich auf den Weg,
und irgendwie war dann doch alles ganz einfach. Die windige
Ecke gebärdete sich ziemlich windstill, die Sonne schien und
nur die Höhe und meine Last machten mir zu schaffen. Wieder
einmal als letzter kam ich im Basislager an. Es zog sich auf
einer Art Plateau vor der West Buttress (Westpfeiler) hin.
Rechts und links des sich durch diese "kleine Stadt"
schlängelnden Schneeweges gab es Iglus und Schneemauern um eine
größere Anzahl von Zelten. Es herrschte ein reges Treiben. Wo
waren Laco und Viktor? Ich stützte mich auf meine Stöcke und
fragte den erstbesten "Typen". Er antwortete mir nur: Brutto
bruttone, what are you doing here? You better go back to stupid
Krautland and let us alone! Do you need any Cortison? Das war
zuviel. Später sollte sich herausstellen, dass dies alles bloß
ein Witz eines etwas durchgeknallten italienischen Skilehrers war,
aber ich ließ mich erstmal fallen. Ich baute langsam und mit Mühe
mein Zelt auf, und zerbrach dabei gleich die Schneesäge vom Team
Denali X, die mir Mike Burns geliehen hatte. Was für ein
glorreicher Tag ging da zuende. Aber es tat gut, wieder einmal
allein im eigenen Zelt zu liegen, ohne Laco oder Viktor.
Heute Nacht habe ich zum ersten Mal meinen zweiten Schlafsack
benutzt. Wahrscheinlich war der Grad meiner Erschöpfung so groß,
daß selbst der Tangerine Dream Schlafsack, der
normalerweise bis -30 Grad C einsetzbar sein sollte, versagte. Am
Morgen hatte ich leichte Kopfschmerzen, ich mußte unbedingt noch
ein paar Tage akklimatisieren! Als Regel gilt eigentlich, daß
man pro Tag nicht mehr als 300 Höhenmeter ansteigen und lieber
unten als oben schlafen sollte. Aber wenige scheinen soviel Zeit
zu haben. Die meisten wiegen sich hier im Basislager in
Sicherheit. Es gibt einen fest stationierten Arzt, und auch ein
spezieller Hubschrauber kann das Camp anfliegen, ja sogar auf dem
Gipfel landen. Viktor habe ich meine zweite Isomatte und eine
Fleecehose gegeben, er hatte überhaupt nichts dabei. Ein paar
Jungs von der Army kamen mit einem Rettungsschlitten vorbei, als
ich meinen Schneewall verstärkte. Sie brachten ihren Kameraden
zur Arztstation. Er hatte AMS (AMS=Acute Mountain Sickness). Ihm
wurde mit einem schnellen Abtransport in sauerstoffreichere
Gefilde geholfen.
Mittlerweile hatte es sich eingeschneit, und ich lag in meiner
Burg, hörte mir Kassetten an und fühlte mich einfach nur gut.
Ich hatte noch für zwei Wochen Essen dabei, das sollte doch
ausreichen?
Der eine Ukrainer, Viktor Grischenko aus Kiew war heute im Basislager
eingetroffen und wohnte mit bei mir. Sein Kollege, ein sog.
"Polarnik" schneite gestern kurz vor dem Dunkelwerden
in Laco's Zelt hinein und legte sich einfach, ohne groß um
Erlaubnis zu fragen, dazu! Das war dem Laco gar nicht recht, und
er beschwerte sich heute auch gebührlich bei mir. Polarnik hat
den Höhenkoller, wie Laco sich ausdrückte. Er filmte bloß und
half wenig. Jedenfalls wolle er morgen wieder hinab, meinte der
Ukrainer.
Von hier aus seien es noch etwa 5 Stunden bis zum Gipfel,
sagte man uns. Laco war in früheren Zeiten das Messner Couloir
mit Ski hinabgefahren. Voller Respekt hörte ich mir seine Erzählung
an.
Das Wetter blieb weiter konstant schlecht, so dass man sich
nicht dem Marsch zum Hochlager, sondern lieber seiner Ausrüstung
widmete. Meine Steigeisen paßten einfach nicht ordnungsgemäß
über die selbstgefertigten Isoliergamaschen, so schnitt ich
kurzerhand jeweils vorn und hinten zwei Öffnungen in die
Gamaschen hinein. Noch immer ergab das keinen bombenfesten Sitz.
Irgendetwas würde mir schon noch einfallen, dachte ich mir. Der
Weg zum Gipfel des Denali ist weit und kalt, ich mußte einfach
bestens vorbereitet sein. Ich unternahm in den darauffolgenden
Tagen einige Touren die West Buttress hinauf , um mich gebührend
zu akklimatisieren. An der höchsten Stelle setzte ich mich in
den Schnee, trank ein wenig Biosorbin und wartete 2 bis 3
h, bevor ich wieder abstieg. Viktor Grischenko war mit Polarnik
nach unten gedüst und kam am Sonnabend abend mit Zelt für
Polarnik und seiner restlichen Ausrüstung wieder. Es ist schon
ein Wahnsinn gewesen, was dieser 51jährige drahtige kleine Mann
für einen dünnen Schlafsack verwendet hat. Das konnte ich nicht
mit ansehen, und habe ihm meinen zweiten Schlafsack geborgt. Und
gegen sechs Uhr sonntags in der Früh machte er sich auf zum
Gipfel. Ich kochte ihm noch Tee, weg war er. Draußen war es
bitterkalt, und ich legte mich bei dem Gedanken, Viktor durch die
klirrende Kälte zu begleiten, schnell wieder hin.
Mit 15 kg auf dem Rücken lief ich gegen 9:00 Uhr doch los.
Mein Zelt blieb bei Laco, er oder Viktor sollten es heute später
nach oben bringen. Sie wollten den Rescue Gully, einen
direkten Anstieg zum Hochlager auf 5100 m benutzen, ich ging auf
dem Normalweg über die West Buttress. Die ersten 500 m
hatte ich schlicht a..kalte Füße, nur durch kontinuierliches
"Beinschwingen" und Zehenübungen wurden sie dann doch
warm. Auf etwa 4700 m fing der von großen Spalten durchzogene
Hang an in einen Eishang von vielleicht 30 Grad Neigung überzugehen.
Gut, dass alles mit Fixseilen versichert war.. Oben angelangt,
nahm ich erstmal einen kräftigen Biosorbinshake, und schon sah
und schmeckte alles vorzüglich schokoladig. Über den Grat des
Pfeilers ging es nun 300 Höhenmeter schön sachte ansteigend ins
Hochlager. Gegen 14:00 Uhr war ich da. Ziemlich erschöpft kochte
ich mir erstmal etwas. Auf dieser Höhe von etwa 5100 m dauerte
das ewig. Gegen 16:00 Uhr kamen Viktor und Laco mit dem Zelt.
Viktor ging gleich noch weiter, er wollte zum Denalipaß.
Laco verschwand gegen 20:00 Uhr wieder, hinunter in den von oben
beängstigend steil erscheinenden Rescue Gully. Hier oben
traf ich dann die deutsch/schweizerische Expedition wieder. Jürgen,
ein Lotteriebudenbesitzer vom Bodensee, will mit in meinem Zelt
schlafen. Nur gut, dann ist es nicht so einsam. Gegen 20:00 Uhr
kam der Schweizer Peter Weber vom Denalipaß ins Camp
gelaufen. Er wollte wohl oben auf dem Gipfel gewesen sein,
verstrickte sich aber vor seinen Kameraden in Ungereimtheiten.
Trotzdem ließ er sich feiern wie ein Held. Grischenko und ein
Engländer, den Grischenko 100 m unter dem Gipfel traf, hatten
jedenfalls nichts von "speedy gonzalez" Peter gesehen.
Mir war das herzlich egal, jeder muß selbst mit sich, seinem Ego
und seinen Behauptungen klarkommen. Im Endeffekt zählt der Weg,
zählen die Erlebnisse, die man auf diesem Weg, in dieser Zeit
durchlebt hat, vielleicht mehr als irgendein Gipfel.
Kurz, nachdem sich Laco verabschiedet hatte, bemerkte ich
einen Punkt am Denalipaß, das mußte Grischenko sein.
Ich warf meinen Kocher an und schaffte es gerade noch, ihm einen
halben Liter Wasser aufzutauen, bevor er 21:00 Uhr das Hochlager
erreichte. Er schwankte und war ziemlich abgekämpft. Ich machte
mir Sorgen: ob er denn nicht besser oben bleiben wollte, doch er
mußte noch nach unten. Also gab ich ihm noch einen Snickers und
langsamen Schritts ging er weiter über die West Buttress ins
Basislager. Diesen Abend konnte ich vor lauter Aufregung nicht
einschlafen. Jürgen gab mir eine Schlaftablette.. Die Nacht
schlief ich sehr schlecht und brachte am folgenden Morgen mein
schönes Abendbrot wieder außenbords. Die Deutschen und
Schweizer gingen los, einigen von ihnen war speiübel. Sie bekämpften
diesen Zustand mit Tabletten. Man hatte ja bezahlt, es war die
einzige Chance, der Abflug war gebucht, es wird schon gutgehen.
Zum Glück ging es gut, wie ich später erfuhr. Nur ich konnte
mich zu diesem Zeitpunkt nicht entschließen, Richtung Gipfel
aufzubrechen. Mir ging es überhaupt speischlecht! Mit Mühe baute
ich das Zelt zusammen und vergrub es in einem Schneeloch. Mike
und Clay aus Fairbanks begleiteten mich den Grat zur West
Buttress hinunter. Danke, Jungs! Ich ging zwar völlig selbstständig,
aber Eure Anwesenheit hat mir doch etwas Sicherheit gegeben. Kurz
vor dem Headwall traf ich einen Arzt, der zusammen mit
einer Gruppe von Vernon Tejas unterwegs war. Er stellte AMS (Akute
Bergkrankheit) bei mir fest, ich sollte mich lieber schnellstmöglich
die Fixseile hinabseilen, was mir auch gut gelang. 200 Höhenmeter
tiefer ging es mir wieder prächtig, in langen Sätzen schnellte
ich dem Basecamp entgegen, auch ein paar "glissades"
waren drin.
Es war Dienstag, 17.05.1994, Laco und Viktor gingen heute über
den Rescue Gully Richtung Gipfel. Das Wetter war
bombastisch, einige Seilschaften sind sofort losgezogen. Voll
Bewunderung beobachtete ich den ganzen Tag über 2 Kletterer, die
in eine Eiswand links des Normalweges eingestiegen waren. Ich wußte
nicht, dass ich sie gegen Abend das letzte Mal sehen würde. Sie
schienen immer langsamer voranzukommen. Die ganze Nacht über
hoffte ich, sie würden durchkommen. Am nächsten Morgen wachte
ich von einem seltsamen Geräusch auf und lugte durch den Schlitz
in Laco's Zelteingang hinaus. Wieder war die Rettungstrage im
Einsatz. Sie gingen zu den Fixseilen. Verdammt!!!
Den ersten brachten sie am Vormittag. Er hatte erfroren in
einem der letzten Fixseile gehangen, Erschöpfungstod. Den
zweiten suchte ein speziell für große Höhen einsatztauglicher
Helikopter den ganzen Tag. Das unheilschwangere Gedröhn der
Rotorblätter tauchte auf und verschwand wieder hinter dem Kamm,
der zur West Buttress führte. Banges Hoffen, vielleicht
hat er überlebt. In jedem dieser nicht endenden Momente habe ich
innigst gewünscht, dass er überlebt.
Sein Schicksal war gegen ihn. Mit dem Helikopter wurde er nach
unten geflogen.Betroffenheit machte sich im Basislager breit. War
es das wert?
An diesem Tag endet mein Tagebuch. Heute, da ich dies
niederschreibe, sind 5 Jahre vergangen. Trotz allem erscheinen
mir die Tage am Denali noch so klar und lebendig , als wäre
alles erst diesen Sommer geschehen.
Ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, ob ich es wagen
sollte, ein zweites Mal da hinauf zu gehen, denn es war schon
gewagt, dieses "Abenteuer". Das Wetter war die
kommenden Tage sehr schlecht. Ich beschloß zunächst, mich
erstens ein für allemal von dieser Biosorbinkost, die sich für
mich persönlich als untragbar am Berg erwiesen hatte, zu
lassen. Zweitens wollte ich große Vorsicht walten lassen und
möglichst viele subjektive Risikofaktoren ausschließen.
Langsam päppelten mich die Nahrungsmittel wieder auf, die
mir die in Richtung Talkeetna gehenden Bergsteiger überließen.
Hier im Basislager konnte man super überleben. Fast jeder
hatte zuviel heraufgeschleppt und war nun froh, etwas
dazulassen, und nicht alles wieder hinunter befördern zu müssen.
So übrigens kam auch "Cortison", mein italienischer
Freund und Spaßvogel, einen ganzen Sommer lang über die
Runden. Einige Freaks hatten sich tolle Iglus gebaut und
waren diesen Sommer mehrere Monate im Basislager - skifahrend,
sonnend, Radio hörend. Billiger ist kein Urlaub, sagte mir
Cortison einmal. Das Wetter blieb schlecht, immer mehr
Gruppen zogen ab. In der Zwischenzeit lernte ich die Männer
von Denali X näher kennen. Mike, Steve, Chuck und ?
kamen aus Seattle, waren seit Jahren ein Team und hatten sich
nach einigen sehr erfolgreichen Expeditionen in Mexiko und
den Cascades nun an den Denali gewagt. Wir spielten
manche Stunde Schummelpoker in ihrem Iglu. Leider gab es auch
eine traurige Nachricht. Meine abgesprungene dritte
Aspirantin brachte sie. Sie war zusammen mit zwei
Bergsteigern ganz in der Nähe an einem schwierigen Grat
unterwegs, als der Vorsteiger plötzlich den Halt verlor und
den Nachsteiger mit sich in die Tiefe riß. Sie selbst war zu
diesem Zeitpunkt am Standplatz festgemacht, und das war ihr
großes Glück. Ich konnte nicht verstehen, wie sie alles,
was sich doch erst vor wenigen Tagen abgespielt hatte,
einfach so ruhig wiedergeben konnte. Sie fragte mich, ob sie
nun doch mit mir hochgehen könnte. Ich lehnte ab. Ich konnte
einfach nicht anders.
Steve und Rick entschlossen sich ebenfalls, wieder abzusteigen.
Sie mußten zurück nach Texas, wo sie als Piloten arbeiteten.
Ich war ziemlich froh, als sie mir die Hälfte ihres Depots
schenkten, welches sich schon in 4500 m Höhe befand. Viktor aus
Tschechien war eines Tages trotz Schlechtwetter aufgebrochen und
hatte es in einem Zuge von 4400 m bis zum Gipfel (6192 m)
geschafft, eine Topleistung, aber auch etwas waghalsig. Beim
Abstieg durch den Rescue Gully sei er in dichten Nebel
gekommen und habe sich total verlaufen, erzählte er uns nach
seiner Rückkehr spätabends. Nur durch Zufall gab es ein kleines
Loch in der Nebelwand, und er erkannte, dass er völlig falsch
war. Glück und Tragik liegen so dicht beieinander, wer bestimmt
nun, was letztendlich geschieht? Wir waren froh über den guten
Ausgang von Viktors Geschichte.
Ich vertrieb mir die Zeit im Basislager auch mit dem Videografieren
interessanter Einzelheiten/Persönlichkeiten. Seit Talkeetna
hatte ich meinen Hi8 Camcorder dabei. Leider würde ich dieses
Video später nie zu Gesicht bekommen, da ich es Laco zur
Verwahrung gab, der es mir jedoch bis heute nicht zurückgegeben
hat.
Eines Morgens, nach etwa 10tägiger Warterei, war es dann
soweit: der Wetterbericht verhieß Besserung. Ich ging zum
Arztzelt und ließ mir die Sauerstoffsättigung meines Blutes
checken. 83%, ein guter Wert. So versuchte ich nun zum zweiten
Mal den Weg auf den Gipfel, wohl wissend, welche Gefahren auf
mich lauerten. Die Gruppe von Vernon Tejas kam mir entgegen. Vern
meinte, es sei an der Zeit für sie, abzusteigen. Sie hatten über
eine Woche auf 4800 m (Eishöhle) und 5100 m ausgehalten. Wir wünschten
uns gegenseitig nur das Beste, und ich stieg in die Fixseile ein.
Es war bannig kalt, als ich wieder im Hochlager eintraf. Mein
Zelt war noch da, eilig versuchte ich es aufzubauen. Das Gestänge
ließ sich nicht zusammenschieben. Die Gummibänder waren durch
die Kälte so unelastisch geworden, dass mir nichts weiter übrig
blieb, als ein je 40 cm langes Bandstück aus jedem Gestängebogen
herauszuschneiden. Endlich lag ich im Zelt und genoß meine
Verpflegung von Steve und Rick. Die Nacht verlief diesmal recht
gut, gegen Morgen hatte ich jedoch einen unwiderstehlichen Drang,
mich an diametralen Stellen gleichzeitig zu entleeren. Es war
katastrophal, aber danach ging es mir besser. Wahrscheinlich
hatte ich zuviel dieser leckeren japanischen Nudelgerichte in
mich hineingestopft. Den ganzen Vormittag kochte ich und kam
schnell wieder auf die Beine. Am Abend, als andere Truppen
eintrudelten, kam ich mir schon fast wie ein Lagerverwalter vor.
Alle wollten am kommenden Tag sehr zeitig aufbrechen, ich konnte
meinen Schweinehund jedoch nicht dazu bringen, mich in der Frühe
aus den herrlich warmen Schlafsäcken zu pelzen. So verschlief
ich den Aufbruch der anderen und machte mich erst gegen 10:00 Uhr
auf den Weg. Meine selbstgefertigten Überschuhe ließ ich im
Zelt. Ich konnte die Scherensteigeisen einfach mit ihnen zusammen
nicht sicher an den Plastbergstiefeln befestigen. Lieber
erfrorene Füße, als irgendwo runtergestürzt. Ergo kam die
Beinkälte ziemlich schnell angekrochen. Also hielt ich mitten im
Hang an, nachdem sämtliche Aufwärmübungen nicht fruchteten,
und zog mir Außenschale und Innenschuhe meiner Asolos aus. Ich
legte einen Handwärmpacken hinein (Achtung, guter Trick: Wegen
der großen Kälte ist fast keine Luftfeuchtigkeit da. Ich habe
die Packen deswegen immer etwas unter meiner Achsel 'angeschwitzt
und angewärmt', das funktionierte.) Nach etwa 30' ging es meine
Füßen superwarmgut, und mittlerweile hatte ich die Frühaufsteher
am Denalipaß eingeholt. Es waren etwa 10 Mann, die immer schön
in Reihe gingen. Ich schloß mich an, war aber so gut drauf (oder
konnte mich nicht anpassen), daß ich sie überholte. Am Football
Field, kurz unter dem Anstieg zum letzten Gipfelgrat, legten
alle die letzten, entbehrlichen Gegenstände ab. Dann ging es
noch ein paar Meter hinauf und vielleicht 100 m oder 200 m über
den Grat zum höchsten Punkt. Jubilierend stieg ich voraus. Ich
dachte nur immer: Mein Vater wird stolz auf mich sein. Wie ein
Mantra sagte ich diesen Satz vor mich hin, immer und immer wieder.
Wieso weiß ich auch nicht. Vielleicht hatte mir die Höhe schon
zu sehr zugesetzt. Zwei Russen waren am Gipfel. Sie
fotografierten mich, und stiegen hinab.
Es war ein gutes Gefühl,
für ein paar Augenblicke dort oben ganz allein zu sein, ich dachte an meine Familie daheim in Deutschland und all die Hilfestellung, die sie mir so selbstverständlich für meine in ihren Augen "etwas verrückten" Unternehmungen gaben.
Gleich danach ich an den Abstieg. Das Wetter war
grausam kalt, ohne Windchill Minus 40 Grad F , sagten die Ranger später.
Die Sicht war schlecht, für den Nachmittag war eine
Wetterverschlechterung angesagt. Nach 15' auf dem Gipfel nahm ich
die russische Flagge, und machte mich auf den "Heimweg".
Im Abstieg passieren 80% aller Unfälle, hatte ich mal irgendwo
gelesen. Also schön aufpassen!!! Und doch geschah es, kurz
unterhalb des Denalipasses. An einer Glatteisstelle
stolperte ich über die eigenen Gamaschen und machte einen sicher
komisch anzusehenden Satz. Ich war drauf und dran, Richtung
Randspalten abzukullern. Instinktiv drückte ich mein Eisgerät
in den Firn, und nach ein paar Metern hatte ich wieder die
Kontrolle über mein Leben. An genau dieser Stelle, sagte man mir
später, sei ein Kanadier vor einigen Tagen abgestürzt und
konnte nur noch tot aus einer Randspalte geborgen werden.
Konzentriert ging ich bis zum Hochlager, baute das Zelt ab, und
war spätabends im Basislager.
Ich stieg weiter zum Skidepot ab. Die abschließende Abfahrt
mit dem nur an Schnüren hängenden Schlitten und den in
Seilzugbindungen ungenügend fixierten Asolos war eine heikle
Erfahrung. Schließlich kam ich auf dem Flugfeld am
Kalhiltnagletscher an. Inzwischen war fast ein Monat vergangen
und die Spalten im Gletscher traten teils offen zutage. Ich kann
mich noch an eine wunderschöne Frau erinnern, die mich aus dem
Funkzelt heraus noch mit jeder Menge Fruchtsaft versorgte. Oder
habe ich das alles nur geträumt? Ist ja auch egal...
PS:
Das Denali X Team hat es 1994 nicht geschafft. Zu klein war
das Wetterfenster, das eine sichere Gipfelbesteigung ermöglichte.
1995 erreichten alle vier den Gipfel des Denali.